Julius Plenz – Blog

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In den aktuellen Bestsellerlisten findet sich momentan fast überall Jonas Jonassons Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand. Mit gutem Grund: Das Buch lässt sich locker-leicht lesen und eignet sich bestens als Ferienlektüre. Ähnlich leicht und anekdotisch kommen Charles Bukowskys Notes of a dirty old man daher: Immer gut für einen Lacher. Den Klassiker Catch-22 von Joseph Heller habe ich 150 Seiten angelesen, konnte aber irgendwie nichts damit anfangen. Die neuerliche Lektüre von Aldous Huxleys Brave New World war unterhaltsam. (Siehe auch diesen treffenden Webcomic, der die Dystopien von Orwell und Huxley vergleicht.)

Graeber: Debt In meinen Augen extrem wichtig ist David Graebers Buch Debt / The First 5000 Years. Allseits hochgelobt, hat mir das Buch eine Art der historischen Analyse gezeigt, die ich bisher nicht kannte. Spannend, unterhaltsam aber unglaublich gehaltvoll und detailreich zugleich – das Buch muss man gelesen haben, alleine schon des Einstiegskapitels wegen, The Myth of Barter (dt.: Der Mythos des Tauschhandels). Intellektuell schockiert war ich von der anscheinend gut belegten Tatsache, die sich zusammenfassen lässt als:

His [Llewellyn-Jones] study covers the entirety of the ancient Greek world and argues that veiling was routine for women of varying social strata, especially when they appeared in public or before unrelated males.

In den Worten Graebers (Debt, p. 188):

As much as it flies in the face of our stereotypes about the origins of “Western” freedoms, women in democratic Athens, unlike those in Persia or Syria, were expected to wear veils when they ventured in public.

Das habe ich im Latein- und Geschichtsunterricht nie gehört. Im Gegenteil, die Frauen wurden in den Büchern immer als fortschrittlich, demokratisch und relativ emanzipiert dargestellt. – Definitiv ein Buch, dass ich in näherer Zukunft nochmal lesen werde.

Für das Verständnis moderner Konflikte ist auch A game as old as Empire sehr hilfreich. Als „Nachfolger“ von Economic Hitmen präsentiert Hiatt Menschen, die in ganz unterschiedlichen Kontexten und mit ganz unterschiedlichen Motivationen in Branchen arbeiten, die im Endeffekt darauf abzielen, die Wirtschaft von Ländern anzugreifen: Seien es Offshore-Banker, für amerikanische Ölfirmen in Nigeria arbeitende Söldner oder Berater und Analysten der Weltbank oder des IMF.

Ich habe auch wieder ein bisschen mehr SciFi gelesen: Angefangen mit dem Klassiker Snow Crash von Neal Stephenson, den ich allerdings nur mäßig beeindruckend fand. Viel mehr gefallen hat mir da Fear Index von Robert Harris, das sich mit autonomen Börsenhandelssystemen befasst, die plötzlich ein hazardöses Verhalten an den Tag legen; außerdem habe ich das erste Mal etwas von Cory Doctorow gelesen: For the Win, ein in China, Indien (Dharavi), Singapur und den USA spielendes Buch, das wunderbar zu Graebers Buch passt, denn dort geht es um virtuelle Spielgüter, die aber in der realen Welt Wert besitzen (als ob das verwundern würde) – und plötzlich organisieren sich die Goldfarmer und bilden eine Art internationaler Gewerkschaft. Unterhaltsam und lehrreich. Das Highlight zum Schluss: Der neue Suarez, Kill Decision, ist wirklich super. (Mehr Hintergrundinfos.)

Anfangs begeistert war ich von Haruki Murakamis Buch 1Q84. Alleine die Ausgabe, die anscheinend noch nicht überall verfügbar ist, ist absolut gelungen: Die Seitenzahlen sind immer auf unterschiedlicher Höhe und in der Hälfte der Fälle gespiegelt; und interessanterweise ist der Satzspiegel der jeweils rechten Seite genau um eine Zeile nach unten verschoben. (Warum, konnte ich nicht herausfinden, aber ich gehe davon aus, dass es Absicht ist.) Den ersten Teil habe ich mit Begeisterung gelesen. Nach ca. 500 Seiten wurde es dann erst langweilig, und auf Seite 900 habe ich beschlossen, die restlichen 200 Seiten nicht mehr zu lesen, so langweilig, schwerfällig und belanglos sind die Erläuterungen. Der Klappentext verspricht “A love story, a mystery, a fantasy, a novel of self-discovery, a dystopia to rival George Orwell’s” – Aber insgesamt ist die Dystopie, die ich gerne gesehen hätte fast nicht vorhanden, und zu viel Handlung verliert sich in mystischen Erklärungsansätzen. Schade, denn aus der Geschichte hätte man wirklich etwas machen können.

Gerade eben bin ich mit dem neuen Buch von Irvin D. Yalom fertig geworden: Das Spinoza-Problem bedient sich des Erfolgsrezeptes „historische Persönlichkeit psychoanalytisch in Romanform dargestellt“, ist aber in meinen Augen nicht so gelungen wie die beiden Vorgänger über Nietzsche und Schopenhauer. Sowohl Spinoza als auch Rosenberg sind interessante Charaktere und werden gut dargestellt. Insgesamt aber wirken die Dialoge zu durchkonstruiert, zu wenig echt. Vielleicht hätte es ein Briefwechselroman werden sollen.

posted 2012-10-06 tagged bookdump

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Im Sudan hatte ich viel Zeit und Muße, und habe den absoluten Klassiker, die Illuminatus Trilogy von Rober Shea & Robert Anton Wilson gelesen – zum mittlerweile dritten Mal. Ich lese eigentlich Romane generell nur einmal, aber dieses Buch ist anders als jedes andere Fiktionswerk, dass ich sonst kenne: Wild springend in Raum, Zeit, Person und Erzählstil lässt es einen im einen Moment laut auflachen, im nächsten aber in angestrengtes Nachdenken verfallen. Ich zähle es nach wie vor zu meinen absoluten Lieblingsbüchern. – In Cairo gab es nur wenig englische Literatur zu kaufen, daher musste ein Klassiker her: Charles Dickens' Oliver Twist ist eine ganz nette Geschichte, die ich aber nach zwei Dritteln dann auch gar nicht so zwingend zu Ende lesen musste und es daher gelassen habe.

Der neue 1000-Seiten-Wälzer von Neal Stephenson, REAMDE, ist, obwohl er spannend ist, leider mit 300 Seiten zu lang geraten. Die anfängliche Geschichte – das MMORPG T'Rain, das die Chinesen anzieht, könnte tatsächlich in ein paar Jahren Wirklichkeit werden – ist sehr gut gelungen, besonders die Charaktäre Dodge und Sokolov. Aber in etwa ab dem Abflug aus Manila und dem Moment, in dem Olivia Sokolov "rettet", ufert die Geschichte leider aus. Zu viele Unwahrscheinlichkeiten, zuviel doppelt erzählte Szenen aus verschiedenen Blickwinkeln – der Showdown hätte gut in einer Stadt stattfinden können und nur 70 Seiten brauchen müssen. – Und: Ohne zu wissen, warum, fühlt sich das dauernde Wikipedia/Twitter/Facebook-Namedropping nach dem dritten Mal ziemlich gezwungen an und trägt nichts zur Geschichte bei. Die Interaktion mit Computern und das "Hacking" wird allerdings meist ziemlich realitätsnah dargestellt, was man bei Stephenson aber auch erwarten darf.

Einen weiteren Klassiker von Bret Easton Ellis habe ich mit American Psycho gelesen. Der Film ist natürlich sehr bekannt, aber das Buch gibt auch eine gute Vorlage ab: Eine kranke Welt, in der es normalerweise nur um Reservierungen in Edelrestaurants geht, ab und zu aber auch um Alkohol, Visitenkarten oder eben den Mord an einem Obdachlosen oder einer Hure.

En passant habe ich dann noch Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich von David Foster Wallace gelesen, was gar nicht so schrecklich amüsant war, aber doch nett. Wenn man gerne Menschen beobachtet und über ihre Intentionen und Hintergründe philosophiert, dann findet man hier einen Gleichgesinnten.

Insgesamt drei der kürzeren Bücher von Noam Chomsky habe ich gelesen. Die Piper-Ausgabe Profit over People / War against People scheint ein Klasiker unter den deutschen Chomsky-Übersetzungen dazustellen. Die beiden 1999 geschriebenen, eher kurzen und überraschend bissigen Bücher behandeln im Wesentlichen den Neoliberalismus, der "der erste und unmittelbare Feind wirklicher Demokratie ist ... [woran] sich auf absehbare Zeit auch nichts ändern [wird]" (aus der Einleitung von McChesney). – Die großen Themen sind bekannt, besonders im Vordergrund stehen Nicaragua und Kuba. Das Gesamtbild sowie die beschriebenen Fälle finden sich großteils schon in Year 501: The Conquest Continues; doch hat Chomsky in diesen beiden Büchern einige wirklich schlagkräftige und unintentionell realitätsnahe Zitate zu seinem Steckenpferd erkoren und wird nicht müde, sie ständig zu wiederholen. Und auch noch ein Jahrzehnt später, besonders in Bezug auf die Finanzkrise, ist das Schlusswort absolut richtig:

Die sozioökonomische Ordnung, die jetzt von oben verfügt wird, ist das Ergebnis der Entscheidung von Menschen, die in von Menschen gesschaffenen Institutionen wirken. Die Entscheidungen können widerrufen, die Institutionen verändert werden. Sollte es sich als notwendig erweisen, können sie zerschlagen und ersetzt werden. Das haben aufrechte und mutige Menschen im Laufe der Geschichte immer wieder vollbracht. [S. 150, WaP]

Von wegen als: TINA (there is no alternative) – oder, wie man zu Neudeutsch sagt: alternativlos.

Making the Future ist eine Ende Februar 2012 erschiene Sammlung von in der New York Times erschienenen Artikeln aus dem Zeitraum April 2007–Oktober 2011. Das Buch eignet sich sicherlich gut als Einstieg in Chomskys Werk, denn die Artikel sind überschaubar, in sich abgeschlossen und gut verständlich. Für mich persönlich war es noch einmal interessant, markante Ereignisse und Entscheidungen dieser Zeit (z.B. die Ernennung Obamas zum Präsidenten, sein Friedensnobelpreis; die Gaza-Flottilla; WikiLeaks' CableGate; Somalische Piraten; die Finanzkrise; den Arab Spring) zu rekapitulieren und auch zu sehen, wie Tatsachen, die ich soweit ich mich erinnere erst später erfahren habe, schon zu den jeweiligen Zeitpunkten absehbar waren. – Teilweise wiederholen sich ganze Absätze oder Formulierungsbausteine. Der folgende Absatz aus Chomskys am Ende des Buches abgedruckten Occupy Boston-Rede vom Ende Oktober 2011 lässt den Titel des Buches gerechtfertigt erscheinen.

Karl Marx famously said that the task is not just to understand the world but to change it. A variant to keep in mind is that if you want to change the world you'd better try to understand it. That doesn't mean just listening to a talk or reading a book, though that's helpful sometimes. You learn from participating. You learn from others. You learn from all the people you're trying to organize. We all have to gain the understanding and the experience to formulate and implement ideas and plans as to how to move forward.

Jetzt lese ich wieder ein bisschen an meiner Dostojewski-Gesamtausgabe, momentan: Der Idiot.

posted 2012-05-30 tagged bookdump

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Cover of Kahneman's »Thinking, fast and slow« Ein Buch, das man sich wirklich nicht entgehen lassen sollte, ist Thinking, fast and slow von Nobelpreisträger Daniel Kahneman. Es ist sicherlich kein sehr mitreißendes Buch, aber auch nicht allzu trocken oder komplex. Thema des Buches sind die zwei Akteure System I und System II – die Intuition, die zwar schnell, dafür aber ungenau arbeitet und leicht zu täuschen ist, und das, was wir "angestrengtes Nachdenken" nennen.

Im Wesentlichen geht es darum, was für Mechnismen gewissen für uns typischen Denkmustern zugrund liegen, wie wir sie analysieren können, und was für Fehlinformationen sie uns glaubhaft machen können. Als wissenschaftliche Grundlage dienen dafür Gedankenexperimente, die großteils auch an Gruppen von Probanden getestet werden. (Jeweils gegen monetäre Entschädigung, häufig ist die Höhe der Entschädigung auch Grundlage des Experiments; wer finanziert sowas eigentlich? Und warum mache ich nie bei solchen Studien mit, wo man durch Beantworten einiger weniger Fragen ein paar Dutzend Euro erhalten kann? –)

Kahneman erklärt anhand einiger simpler kognitiver Illusionen, denen wir tagtäglich erliegen und die uns als scheinbar rationale Wesen objektiv völlig irrationale Handlungen unternehmen lassen, wie wir diese Illusionen a) erkennen können und teilweise auch b) dagegen vorgehen können.

Das Buch hat übrigens einen guten Index, so dass ich auch die äußerst passende Zusammenfassung aus dem Nachwort wiederfinden konnte:

The way to block errors that originate in System 1 [intuition] is simple in principle: recognize the signs that you are in a cognitive minefield, slow down, and ask for reinforcement from System 2 [careful thinking, as in: doing the math, considering statistics]. This is how you will proceed when you next encounder the Müller-Lyer illusion. When you see lines with fins pointing in different directions, you will recognize the situation as one in which you should not trust your impression of length. Unfortunately, this sensible procedure is least likely to be applied when it is needed most. We would all like to have a warning bell that rings loudly whenever we are about to make a serious error, but no such bell is available, and cognitive illusions are generally more difficult to recognize than perceptual illusions. (p. 417)

Im Nachwort räumt Kahneman übrigens mal eben so mit der Chicago School auf, die ja wesentlich auf der Illusion eines "rationalen Menschen" aufbaut: The economists of the Chicago school do not face that problem [whether to protect people from themselves], because rational agents do not make mistakes. For adherents of this school, freedom is free of charge. (p. 412) – –

Etwas leichtere Kost war Philip Roths Nemesis. Im Sommer 1944 geht es ums Überleben: Für die einen, weil sie in den Krieg ziehen müssen, für die anderen, weil sie zu jung sind, und sich zu Hause mit einer Polioepidemie konfrontiert sehen. Auch wenn der Protagonist diesmal nicht krebskrank in der Midlife-Crisis steckt, gelingt es Roth doch leider nicht, mal einen Roman zu schreiben, in dem es nicht um Tod, Verfall und Bedauern über das eigene Leben geht. Nichts also, womit ich mich identifizieren kann. – Viel eher kam ich dagegen mit Charles Bukowskis autobiographischem Character Chinaski in Das Liebesleben der Hyäne zurecht: Ein herrliches Buch, das ich an einem Abend gelesen habe. Hoffentlich bin ich mit 50 auch noch so gut drauf!

Mal wieder zwei nicht zu Ende gelesene Bücher, die mich nicht vom Hocker gehauen haben: Thomas Pakenham: Der kauernde Löwe, eine monumentale, aber doch etwas schwerfällige Biographie der Eroberung und Kolonialisierung der Mitte des afrikanischen Kontinents (also im Wesentlichen auch die Suche nach der Quelle des Nil) – Anne Michaels: Wintergewölbe, ein Roman über den Ab- und Wiederaufbau des Abu-Simbel-Tempels. Die Abschnitte über die forcierte Umsiedlung der Nubier (und das Pendant in Kanada) ist spannend und ergreifend, aber alles pseudo-bedeutungsschwere dazwischen langweilt nach den ersten drei Seiten, leider.

posted 2012-02-22 tagged bookdump

"Wofür Deutschland Krieg führen darf. Und muss."

Ich habe unter der Woche Bernd Ulrichs Streitschrift Wofür Deutschland Krieg führen darf. Und muss. vom Oktober 2011 gelesen. Das Buch war für mich unter mehreren Aspekten interessant. Einerseits beleuchtet es die Hintergründe der Kriege, die ich damals als Kind noch nicht mitbekommen habe – den Namen UÇK kannte ich zwar aus den Nachrichten, wusste aber damit nichts zu verbinden – und bietet so eine gute Perspektive auf die jüngere Deutsche Geschichte, gerade auch in Hinblick auf die Auswirkungen der Wiedervereinigung auf die geopolitische Sicherheitslage Europas und der Welt, sowie das politische Selbstbewusstsein Deutschlands. Andererseits meldet sich hier aus der Generation meiner Eltern ein Kriegsdienstverweigerer und ehemaliger Mitarbeiter des Fraktionsvorstandes der Grünen im Deutschen Bundestag zu Wort, der mittlerweile stellvertretender Chefredaktuer und Leiter des Politik-Ressorts der Zeit ist.

Das ganze ist flüssig zu lesen, aber natürlich kontrovers – und das soll es ja auch sein. Zunächst muss gesagt werden, dass das Buch eine Reihe interessanter Einsichten enthält, die auch sehr treffend ausformuliert sind. Über die Tatsache, dass sich in der deutschen Bevölkerung nur sehr schwierig eine stabile Mehrheit für einen Einsatz der Bundeswehr finden lässt, bemerkt er ganz richtig (S. 53):

Hinzu kommt ein ganz profaner Umstand. In Deutschland finden unablässig irgendwelche Wahlen statt, weshalb eine kriegführende Bundesregierung einem andauernden Plebiszit ausgesetzt ist, das sie nur überstehen kann, solange andere als die militärischen Fragen wahlentscheidend sind.

Und weiter:

Die Regierung wird infolgedessen dazu tendieren, die Fragen von Krieg und Frieden möglichst nicht zu thematisieren, ja, ihre Thematisierung aktiv zu verhindern.

Eine weitere interessante Beobachtung stellt Ulrich über die "spezielle Verbindung" zwischen Deutschland und Israel an (S. 73):

In der wachsenden Distanz zu Israel und in die zunehmende Skepsis gegen Militäreinsätze hinein bringt nun die Merkel-Doktrin Deutschland näher an einen Militäreinsatz für Israel. Hier liegt eine enorme latente Spannung.

Schaut man auf das Inhaltsverzeichnis, so kann man das Buch in einige wesentliche Thesen zusammenfassen:

  1. Aufweichung der Bündnistreue: Emanzipation von der Bündnispflicht, hin zu Von-Fall-zu-Fall-Entscheidungen.
  2. Die Kriege im Irak und in Afghanistan waren falsch; die auf dem Balkan und in Libyen richtig.
  3. Künftige Militäreinsätze im Ausland sollten "Polizeicharakter" haben, Völkerrecht ist teilweise überholt.

Meine Generation, also die zur Zeit des Niedergangs der DDR oder nach dem Mauerfall Geborenen, sind in meinen Augen sehr pazifistisch eingestellt, und das ist gut so. Rundheraus würde ich sagen: Krieg ist immer falsch.

Leider stimmt das nicht. Ja, wenn man an all die Kriege denkt, die Amerika so geführt hat im Südosten Asiens, oder wie die Kriege in Afghanistan und dem Irak laufen: das ist abgrundtief falsch. – Andererseits muss man sich immer wieder den Ruandischen Genozid vor Augen halten, und die damalige Passivität der UN. Dadurch, dass westliche Mächte nicht eingegriffen haben, obwohl sie ziemlich gut wussten, dass ein riesiger Völkermord passierte, das ist unverantwortlich. – Wenn man sagt "Krieg ist in keinem Fall tragbar", dann öffnet man dem Kulturrelativismus Tür und Tor. Profan ausgedrückt, sagt man: "Lass die Anderen doch mit sich selbst klarkommen. Wenn sie sich abschlachten, dann ist das nicht mein Problem, und nicht einmal notwendigerweise falsch." – eine solche Einstellung ist sehr, sehr gefährlich. Von daher ist für den Pazifisten die Fragestellung, ob es überhaupt legitime Kriege gibt, eine sehr viel schwierigere, als sie auf den ersten Blick scheint.

Im Nachhinein kann man möglicherweise sagen, dass der Einsatz der Bundeswehr als Teil des NATO-Bündnisses in Libyen gerechtfertigt gewesen wäre. Der Einsatz ist mittlerweile beendet, und der Aufbau des Landes kann beginnen. Wenn ein Präsident die Luftwaffe gegen das eigene Volk einsetzt, dann sollte es schwer sein, wegzuschauen. – Natürlich muss man sich überlegen, wer denn die Machtposition Gaddafis über Jahrzehnte gefestigt hat. Aber man kann und darf die Frage nach militärischer Intervention nicht mit einer antiimperialistischen Floskel à la "hätten wir nicht X gemacht ... wäre nicht Y passiert" abtun. Dort sterben Leute.

Ich tue mich auch schwer in der Frage, zumal ich von einer anderen Prämisse ausgehe, was die Situation zugegebenermaßen leichter macht: Ich empfinde nichts für das Staatenkonstrukt Deutschland. Deutsche Kultur, insbesondere die deutsche Sprache und Literatur, sowie klassische Musik bedeutet mir etwas – das geht aber über Staatengrenzen hinaus. Der Großteil von Deutschland – das heißt, alles außerhalb von Hamburg und Berlin – bedeutet mir nichts, ganz einfach nichts. Ich habe da schließlich nie gelebt. Aber ohne die Grundlage von konstruierten Staaten, die gemeinsam agieren, entfällt natürlich die Notwendigkeit zur Verantwortung gegenüber anderen Staaten – es bleibt die Verantwortung von Menschen gegenüber anderen Menschen, und dort sind die Menschenrechte ein ziemlich allgemein akzeptierter Konsens.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Buch einige spannende Einsichten, auch in das Wirken von Presse und Politik, bereit hält. Und es ist beeindruckend zu sehen, wie ein ehemaliger überzeugter pazifistischer Aktivist heute Kriege zu legitimieren versucht.

posted 2012-01-08 tagged politik and bookdump

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Ich habe erstaunlich wenig gelesen die letzten paar Monate. Außerdem habe ich zwei Bücher nicht zu Ende gelesen, was sonst gar nicht meine Art ist.

Die unfertigen Bücher: David Foster Wallace: The Pale King, war mir viel zu unklar und querbeet. Man muss sich vorstellen, dass jemand das Thema "Boredom" am Beispiel einer merkwürdigen Ansammlung von Steuereintreibern im Illinois der '70er Jahre veranschaulichen will. Und das Buch ist, nicht zuletzt aufgrund seiner Sprache, unglaublich schwer lesbar. Typisch DFW, nur nicht mitreißend. (Konstant lustig ist nur die Situationen, in die "David Wallace" aufgrund der Namensverwechslung gerät.) – Dann habe ich mir auf einer Zugfahrt große Teile von Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita gegönnt. Aber über der Hälfte, und als sie Besen reitend noch immer Unsinn reden, habe ich das Buch wieder weg gelegt. Ich habe von dem Autor mehr erwartet, nachdem mir mehrere Leute von ihm vorgeschwärmt hatten.

Einen weiteren Roman habe ich von Bret Easton Ellis gelesen: Less than Zero. Der war wesentlich besser als "The Rules of Attraction": Einfach mehr, und bessere Dekadenz. – Auch von Irvin D. Yalom habe ich ein zweites Buch gelesen, nachdem mir "Und Nietzsche weinte" sehr, sehr gut gefallen hatte. (Der Film ist keinesfalls zu empfehlen.) Die Schopenhauer-Kur ist nicht historisch, dafür mit allerlei historischen Notizen gespickt. Ein schöner Roman.

Peter Seibel: Coders at Work ist ein schönes Buch: In 20 Interviews stellen sich Programmiergrößen wie Jamie Zawinsky und auch Donald Knuth einem ganzen Katalog von Fragen: Debuggen via Single-Stepping, oder doch lieber Quick'n'dirty-Print-Statements? Editor oder IDE? Was war der härteste Bug, den sie je behoben haben? – Alles in allem der wunderbare Beweis dafür, dass diese Leute auch nur Menschen sind, außerdem gibt es Gelegenheit, über das eigene Codeschreiben zu reflektieren, und eventuell gewisse Fallstricke bei der Projektplanung bei Anderen wie bei sich selbst aufzudecken.

(Ich habe dieses Buch als Anlass genommen, mir The Art of Computer Programming, Band 1, zu kaufen. Ob sie dieses Buch gelesen haben wurden nämlich auch fast alle gefragt. Durch den "harten, mathematischen Teil" bin ich schon gut durchgekommen, aber mit dem MIX-Teil habe ich erst ein bisschen begonnen.)

David Foster Wallace: Everything and More ist grandios. Es ist der erste Nicht-Roman, den ich von DFW gelesen habe. Im wesentlichen geht es um die Eigenschaften der reellen Zahlen, die einen Mathematikstudenten im ersten Semester in Analysis I tage-, wenn nicht sogar wochenlang beschäftigen: Wie kann es sein, dass es unendlich viele rationale Zahlen sind, sie aber 0% der reellen Zahlen ausmachen? Wie kann es verschiedene "Größen" von Unendlichkeit geben? – Das ganze bettet DFW liebevoll in einen historischen Kontext und mathematisch nicht ganz präzise, aber doch wunderbar verständliche, selbst erfundene Notation ein. Schon der Untertitel deutet einiges an Sprachwitz an: A Compact History of Infinity. Für Mathematikinteressierte definitiv zu empfehlen!

posted 2012-01-05 tagged bookdump

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... was ich so im August gelesen habe, neben den beiden Suarez-Romanen.

Robert Cialdini: Influence, The Psychology of Persuasion, empfohlen bei Alternativlos 8, ein Klassiker für Vermarkter. Viele interessante Prinzpien, die u.a. Werbestrategien zugrunde liegen werden anhand guter Beispiele erklärt. – Janne Teller: Nichts, dessen deutsche Übersetzung erst jetzt, zehn Jahre nach der dänischen Erstveröffentlichung, erschienen ist. Zwar als Jugendroman gedacht, ist es auch für Ältere nett, auf einfache, praktische Weise über den im Buch dargestellten Nihilismus und dessen Gegner und Gegenargumente zu reflektieren. Zeitweise war das Buch an dänischen Schulen verbotenD. Johnson: Afrika vor dem großen Sprung, Auf knapp über 100 Seiten gibt der Autor des Kongo-Echos seine Einschätzung zur Zukunft Afrikas zum besten. Während ich manche seiner Voraussagen doch sehr optimistisch finde, ergibt sich nach dem Lesen insgesamt ein guter Überblick über aktuelle Probleme, aber vor allem auch Chancen Afrikas. – Bret Easton Ellis: The Rules of Attraction, lustig, wahr, um Längen besser als der gleichnamige Film zum Buch.

Dave Eggers: Weit gegangen, ist ein Buch über den Sudanesen Achak Deng, der seit seiner frühesten Kindheit zunächst innerhalb des heutigen Südsudan, später in Äthiopien und im Norden Kenias auf der Flucht war bzw. später in Flüchtlingslagern lebte. Knapp 800 Seiten stark ist die Geschichte, die erzählt wird; und doch kann man das Buch locker in zwei Tagen lesen, weil es so leicht und spannend zugleich geschrieben ist. Leseempfehlung!

Ayn Rand: Atlas Shrugged, habe ich heute morgen fertig gelesen. Meine Ausgabe ist knapp 1100 Seiten lang, allerdings bei 8-Punkt-Schrift, ohne nennenswerten Rand, schlecht gedruckt und gebunden. Aber immerhin, sechs Euro... – Ich war auf das Buch aufmerksam geworden durch den ersten Teil der Dokumentationsserie All Watched Over by Machines of Loving Grace, der im Wesentlichen Ayn Rand und die Implikationen ihrer Philosophie beleuchtet. Ohne viel nachzudenken habe ich mir das Buch bei Amazon geklickt, weil ich dachte, dass es bei dem Preis sicherlich nur eine kleine Broschüre wäre... Falsch gedacht. – Das Buch ist im wahrsten Sinne atemberaubend. Kein Kapitel ist unnötig, es fällt leicht, das Buch in einem Rutsch zu lesen. Die Rezeption des Buches spricht für sich. Manche Leute würden den Inhalt als "die absoulte Wahrheit" bezeichnen, Andere nur als "Kapitalismus-Geschwafel". Egal was man darüber denkt, das Buch polarisiert und regt zum Nachdenken an. – Das Buch stellt den Kampf zwischen einem unfair und uneffizient implementierten Sozialismus vs. Laissez-faire-Kapitalismus dar, oder einfacher gesagt, den Kampf zwischen Ich brauche vs. Ich kann. Rand ist eine Verfechterin rationaler Entscheidungen: dadurch werden die Gegenüberstellungen verschiedener Gedankenschulen im Buch leider immer schwarz-weiß dargestellt. Doch gibt es viele Elemente, die äußerst lehrreich sind: Das ständige I couldn't help it und Who am I to blame? gibt es genau so heute. Marode öffentliche Infrastruktur haben wir heutzutage noch viel mehr als früher (unter dem Deckmantel der Privatisierung, was aber in Rands Augen genau dem Reiten, bis der Gaul tot ist entspricht). Die voluntary compliance als maskierter Zwang. – An einigen Stellen scheinen meiner Meinung nach deutlich Nietzschesche Tendenzen durch: sowohl die Ideen, als auch die Form (vgl. John Galts Radioansprache und Zarathustras Reden). NB: Viele Rand-Anhänger behaupten, dass Rand schon zu Zeiten von The Fountainhead komplett mit der Philosophie Neitzsches gebrochen hatte. – Was auch immer dieses Buch nun für den Einzelnen bedeutet: Es ist unbedingt lesenswert, nicht nur ob der Tatsache, dass es auch wesentlich diejenigen beeinflusst hat, die uns beeinflussen (siehe auch).

posted 2011-09-04 tagged bookdump

Suarez: Daemon und Freedom

Ich habe den besseren Teil des Wochenendes damit verbracht, Daniel Suarez' Daemon und dessen Nachfolger Freedom™ zu lesen (auf deutsch Darknet). Aufmerksam geworden war ich auf die Bücher über dieses Interview von Frank Rieger mit dem Autor – sehr, sehr lesenswert.

Daemon and Freedom(TM) Cover

Das Buch ist auf mehreren Ebenen faszinierend. Zunächst ist es kaum aus der Hand zu legen; es ist leicht geschrieben, voller Spannung, wechselnder Erzählperspektiven, verständlicher Dialoge, kleiner Nebenbei-Geschichten. Dennoch ist Suarez kein großer Literat. Gerade zum Ende der beiden Bücher kommen Wörter wie perimeter und operative gefühlt auf jeder Seite mehrfach vor.

Ich lese wenig bis gar kein Science Fiction. So wie Matrix oder Password Swordfish zwar nette Filme waren – jedem, der sich ein bisschen mit Computern auskennt, graut es davor, zu sehen, wie Computer dargestellt werden. – Ganz anders in den Romanen: Hier kommen auch Kenner auf ihre Kosten. Das fängt an bei Kapiteln die Pwned oder Epic Failure heißen, und geht bis hin zu Hackern, die wirklich hacken: Kein "er tippte wild vor sich hin" um ein WLAN zu knacken – der Protagonist sitzt in seinem Auto mit Laptop, sieht ein WPA-Netzwerk, und snifft via einer Deauth-Attacke die WPA-Handshakes, und wartet dreieinhalb Stunden darauf, bis sein Rechner die Keys aus diesen errechnet hat. Wie man halt ein WLAN knackt. Weitere Details, die den kenntnisrechen Leser erfreuen werden, sind eine (ausgeschriebene!) SQL-Injection-Attacke, ein SNMP-Buffer-Overflow in alten OpenBSD-Versionen sowie ein schlecht konfigurierter Nameserver, der AXFR erlaubt. – Kurz: Ein Autor, der seine Hausaufgaben gemacht hat. So auch Frank Rieger in dem Interview:

Vieles, was Sie beschreiben, ist wirklich technisch möglich, es finden sich praktisch keine Fehler in Ihrem Buch.

Untergründig werden immer wieder gesellschaftliche Misstände, die wir nur allzugern im täglichen Leben ausblenden, eingestreut. Das ist zum einen die Fast-Allmacht der Hochfinanz und die ständig steigende Effizienz von Produktionszyklen zu Lasten der Diversität und damit der Robustheit. Ein nicht unwesentlicher Teil im ersten Band thematisiert auch das (gerade in den USA besonders bedeutende) Thema der Privatisierung von Gefängnissen: moderner, inländischer Sklaverei. Nicht zuletzt wird häufig auf Economic Hitmen und deren Dienste zum Aufstieg der globalen Wirtschaftsmacht USA hingewiesen; im Literatur-Anhang wird auch John Perkins' Buch Confessions of an Economic Hitman referenziert, dass ich mehrmals gelesen habe, und das sehr zu empfehlen ist.

Suarez dazu im Interview:

Aber es läuft etwas sehr schief, wenn die häufigste Quelle großen Reichtums heute darauf beruht, dass man im Finanzsystem zockt, Mittelschichtjobs vernichtet und keinerlei materiellen Wert erschafft.

Was das Buch so spannent macht, ist, dass die Technik, um eine wie dort beschriebene Welt zu erschaffen, prinizpiell schon da ist. Das ist aber auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Diese Review beispielsweise meint:

The [logic decision] tree necessary to handle the daemon would be astronomically complex and I don't think any one, no matter how many resources they had, could put such a thing together.

Doch das ist ein Fehlschluss. In der Angangsphase – man könnte es auch Bootstrapping nennen – waren sicherlich gewisse Elemente im Entscheidungsbaum hart codiert (Auswahl des Polizisten z.B.). Aber jeder, der einmal probiert hat, eine AI für ein Spiel zu programmieren, weiß: Man wird nie alle Fälle abdecken. Und selbst für die wenigen "offensichtlichen" Fälle ist die Logik schon unglaublich komplex. – Der Schlüssel des ganzen liegt natürlich im Maschinellen Lernen und Crowdsourcing.

Suarez: In seiner ursprünglichen, noch nicht in die Crowd ausgelagerten Verkörperung verfügte der Daemon über eine kurze Liste von Zielen: erstens Unternehmensnetzwerke infizieren; zweitens menschliche Gefolgsleute finden (unter Verwendung von Konsumentendaten und sozialen Netzwerken); und drittens die Aktivitäten der menschlichen Gefolgsleute nutzen, um Aufgaben auszuführen.

Diese menschlichen Gefolgsleute aber sind es gerade, die den weiteren Entscheidungsbaum (wenn man ihn denn so nennen will) nachhaltig gestalten. Sie geben (als Gemeinde) die Ziele vor, die zu erreichen sind, und "upvoten" die Gedankenströmungen und Menschen, denen sie zustimmen. – Und dass eine simples "like" oder "don't like" bei genügend Ausgangsmaterial eine relativ eindeutige Signatur hinterlässt, das kennen wir schon jetzt: Das ist "Die folgenden Kunden kauften auch..." bei Amazon; die Lieder- und Videovorschläge in diversen Multimedia-Plattformen; die richtigen und ausführlichen Antworten bei StackOverflow ganz oben.

Das Schlüsselkonzept hinter dem gesamten Darknet ist Aggregation. Auch heute haben wir all diese Daten schon, aber wir können sie (zumindest als Privaterson) nur unzureichen aggregieren. Doch dass das möglich ist, zeigt sich in Ansätzen: Da muss man nur mal einen Namen bei Personensuchmaschinen eingeben, und schon erhält man die veröffentlichten Artikel, MP3s, Blogposts, Facebook-Account, Amazon-Wunschzettel, E-Mail-Adressen, ... – Die Daten sind alle da. Insofern erscheint die geradezu utopische (bzw. dystopische) Aggregation, Filterung und Aufbereitung der Daten, wie sie in den Romanen dargestellt wird, gar nicht mehr so unwahrscheinlich, wenn man nur bedenkt, dass es ein System ist, an dem eher Zehntausende denn Tausende Leute mitprogrammiert haben – und dass eine Menge Geld darein investiert wurde.

Ein Manko hat die Erzählung allerdings: Sie ist viel zu sehr Amerika-zentriert. Zwar wird ganz peripher Europa erwähnt, und einige wenige Szenen spielen auch im Ausland. Doch prinzipiell sind es im Wesentlichen die amerikanischen Dienste, und später die amerikanische Bevölkerung, die sich mit dem Daemon auseinandersetzt.

Alles in Allem liefern die Bücher eine Meneg Stoff zum Nachdenken, und einige simple, aber äußerst wichtige Wahrheiten.

Suarez: Die Natur bestraft einzelne Fehlschläge, weil ein gewisses Maß an Fehlschlägen unvermeidlich ist. Wir sollten daher in erster Linie zu vermeiden versuchen, dass Fehlschläge sich kaskadenförmig ausbreiten, und unsere Fähigkeit verbessern, uns von solchen Fehlschlägen rasch zu erholen.

Dringende Leseempfehlung.

posted 2011-08-22 tagged bookdump and life

Unendlicher Spaß

Ziemlich genau einen Monat habe ich gebraucht, um die über 1500 Seiten vom Unendlichen Spaß von DFW durchzuarbeiten. Im Jahr 2009 erschienen ja zwei deutsche Übersetzungen von "Meilensteinen der modernen Literaturgeschichte": Bolaños 2666 und eben DFWs Unendlicher Spaß. 2666 hatte ich schon letztes Jahr gelesen – und nun, da ich mein großes Projekt abgeschlossen hatte, konnte ich mich endlich an den Spaß wagen.

Der Roman ist grandios. Liest man den Klappentext, denkt man, einige Leute wären auf der Suche nach einem Film, der einem so viel und langanhaltend Spaß bereitet, dass man daran stirbt. Allerdings geht es darum eigentlich gar nicht. Oder schon, teilweise.

Cover 'Unendlicher Spaß'

Das Buch beginnt unvermittelt, geht unvermittelt weiter, und endet auch irgendwie unvermittelt. So richtig gibt es keine Handlung, aber das spielt auch eigentlich gar keine Rolle, ob es nun eine wirkliche Handlung gibt.

Das ganze Buch ist, analog zu den "Aprèsgarde"-Filmen James Orin Incandenzas, dem verstorbenen Vater eines der Protagonisten, antikonfluentieller Natur, zerfasert. (Siehe dafür auch ab S. 92 sowie Fußnote 24.) Die dutzende von Handlungssträngen finden teilweise ein ganz wenig, manchmal auch nur als Teil von Erinnerungen, Halluzinationen oder Träumen zusammen, oder häufig halt auch gar nicht bzw. nur durch Ähnlichkeit der Situationen oder Dialoge.

Insgesamt besticht das Buch durch die diversen textlichen Stilelemente, grandiose Sätze, faszinierenden Detailreichtum – der meist nichts wesentliches zur Geschichte beiträgt, aber gerade deshalb so faszinierend ist – und nicht zuletzt durch äußerst eindrückliche Beschreibungen von Sucht und Depression und der damit einhergehenden Verzweiflung.

Zur Lesetechnik: Die fast 400 Fußnoten sind wesentlich für das Verständnis des Buches. Die Paperback-Ausgabe hat leider keine Lesezeichen, so dass ich dringend empfehle, das Buch mit zwei Lesezeichen zu lesen. Dafür eignet sich z.B. auch gut dieses Diagramm aller handelnden Personen und ihrer Verbindung zueinander – einfach ausdrucken und an der richtigen Stelle in den Fußnotenapparat legen.

Nach dem Lesen des Buches würde ich unbedingt noch einmal die ersten beiden Kapitel lesen, was eine sehr aufschlussreiche Erfahrung ist. Auch weitere Fragestellungen oder eine Interpretation des Endes können dann hilfreich sein.

Eine Sache, die mich noch immer verwirrt: Manche Kapitel haben einen kleinen Kreis über dem Titel, dessen eines Viertel auch auf der Seite, auf der die Anmerkungen beginnen, wiederholt wird. Hier gibt es eine Auflistung der Kapitel mit entsprechender Markierung. – Was bedeutet der Kreis?

posted 2011-07-29 tagged bookdump and life

Bookdump

Ich hatte mir ja vorgenommen, zu dokumentieren, welche Bücher ich lese, und was ich dazu denke – ganz schön ehrgeizig! Nun fällt es mir aber schwer, alle Bücher, die ich in den vergangenen drei Monaten gelesen habe, einzeln zu beschreiben. Daher hier ein "Bookdump" der Bücher, deren Titel ich zumindest noch erinnere (denn das ist meist ein gutes Zeichen!).

le Carré: Out Kind of Traitor, ganz nett, kommt aber m.E. nicht an die früheren Bücher (z.B. "A perfect Spy") heran; dafür interessant modernes Setting – Lenin: Was tun?Alaa al-Aswani: Der Jakubijân-BauAnonymous: Traktat über die drei Betrüger, für Interessierte der Religionskritik ein "Grundlagendokument" – Enzensberger: Versuch über den radikalen Verlierer, leider nur ein Versuch, ruhig überraschen lassen ohne den Klappentext zu lesen! – Schätzing: Limit, schwach, nachdem mir sein Erstling eigentlich gut gefallen hatte.

Schneller lesen, besser verstehen – In der U3 auf dem Weg zur FU Berlin sowie dort in der Mensa kann man kaum der grell-orangen Werbung entkommen, die einem den Kurs zum Besseren Lesen verkaufen wollen. Da mich das Thema interessiert, habe ich mir für einen Zehner das Buch zum Kurs gekauft. Leider (oder zum Glück!) lag ich in den Einstufungsselbsttests noch über dem, was das Buch als Ziel versprach. Es war allerdings interessant zu reflektieren, wie Menschen eigentlich lesen. Gerade für Viel-Leser an der Uni sicherlich ein Gewinn, wenn man denn die Zeit investiert...

Chomsky: Hopes and ProspectsChomsky & Pappé: Gaza in Crisis – Die beiden neusten Chomsky'schen Essaysammlungen sind nach alter Manier langweilig und iteriert. (Was der Notwendig- und Richtigkeit der Darstellung natürlich keinen Abbruch tut! – Chomsky ist nunmal offensichtlich nicht an mitreißenden Formulierungen interessiert. Er ist Dokumentar, kein Literat.) Was allerdings in meinen Augen neu ist, ist die Aktualität, mit der Chomsky über gerade mal wenige Monate zurückliegende Ereignisse reflektiert. Auch findet er einmal ausführliche und klare Worte zum Thema Israel/Gaza, was im Wesentlichen dem entspricht, was sein Protégée Norman G. Finkelstein bisher dazu veröffentlicht hat; die Zusammenarbeit mit Pappé bereichert das Buch außerdem ungemein. Leseempfehlung, unbedingte!

Schmidt-Salomon: Jenseits von Gut und Böse – Ich hatte Schmidt-Salomon bei einer Podiumsdiskussion in der Urania vor einigen Wochen gesehen, in der er einige der Thesen seines Buches debattierte. Während sich die beiden Diskutierenden sehr an Kleinigkeiten aufhängten, hat das Buch bei mir einen sehr "vollendeten" Eindruck hinterlassen: Eine wissenschaftlich-atheistische Weltsicht, untermauert und motiviert durch Empirie und Logik. Am interessantesten fand ich übrigens das Nachwort zur fünften Auflage, wo Schmidt-Salomon das Emergenzprinzip diskutiert. – Nachdem ich diesen Versuch von Prechts, mit "Wer bin ich, und wenn ja wie viele?" Philosophie massentauglich zu vermarkten, eher nicht so gelungen fand, erscheint mit dieser offensichtlich von Nietzsche beeinflusste Titel (und nicht nur der Titel) als gelungen. In gewissem Maße ist es auch eine Anleitung zum Glücklich-sein.

posted 2011-06-13 tagged bookdump

Buch – Wohlstand für viele

Ich versuche, von nun an jedes Buch, das ich gelesen habe (und lesenswert finde) hier mehr oder weniger ausführlich zu besprechen.

Jeffrey D. Sachs: Wohlstand für viele

Gerade eben bin ich mit dem Buch "Wohlstand für viele" von Jeffrey D. Sachs fertig geworden. Das Buch könnte man wohl gut als populärwissenschaftliche, breit aufgestellte Einführung in Makroökonomie, Geographie und Umweltschutz bezeichnen. In jedem Fall lesenswert!

Sachs, der unter anderem vier Jahre Lang leider des UN-Projektes zur Umsetzung der Millenium-Entwicklungs-Ziele war, beschreibt anhand vieler Beispiele im großen und kleinen, wie funktionierende internationale Zusammenarbeit zu Themen wie Umweltschutz, Klimawandel oder Entwicklungshilfe ausehen sollte.

Viele der Phänomene und Probleme, die Sachs anspricht, kannte ich bzw. habe sie schon selbst erlebt in Tansania. Zwei Sachen waren allerdings fast völlig neu für mich:

Sachs erläutert außerdem einige Thesen, die nicht gerade neu, aber auch nicht wirklich im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert sind: Dass das Öl ausgeht, ist nicht das Problem, sondern, dass wir zu langsam auf neue Energieträger migrieren; Ein Umschwung im Kampf gegen den Klimawandel kann man beschleunigen, wenn man nur entsprechende finanzielle Mittel für die Forschung bereitstellt; Entwicklungshilfe führt nicht zu apathischer Empfängermentalität in Drittweltstaaten; Gut geplante und entsprechend finanzierte Entwicklungshilfeprojekte lassen sich durchaus in großem Stile (also z.B. landesweit, und nicht nur regional stark begrenzt) erfolgreich durchführen; Erwirtschaftung von Reichtum muss nicht auf Kosten Mittelloser (sprich: Ausbeutung) basieren.

Interessanterweise preist Sachs besonders Informationstechnologie als Entwicklungskatalysator an. Das Internet auf der einen Seite, vor allem aber unterstreicht er wiederholt die Nützlichkeit eines funktionierenden Mobilfunknetzes, gerade in ländlichen Regionen. (Siehe auch die Grameen Bank, die "Erfinder der Mikrokredite", die das Projekt "Village Phone" initiiert haben.) – Dass Kommunikationstechnologie ein solcher Entwicklungskatalysator ist, war mir zwar klar, allerdings hatte ich bisher nie das Gefühl, dass das auf "höheren Ebenen" und von den (meist älteren) Leuten, die etwas zu sagen haben, auch so gesehen wird.

Das Buch ist leider wenig kritisch. Es wird nie adäquat auf die Rolle von großen Lobbyorganisationen und Interessensverbänden eingegangen, die die Politik häufig in Bahnen lenken, die nicht unbedingt vom (kritischen) Volk gutgeheißen werden. Leider scheint doch vielfach das Bild des "Zahnlosen Papiertigers UN" durch.

posted 2011-01-22 tagged bookdump and entwicklungspolitik